Sterben in Japan – Bestattungen sind eine teure Familiengelegenheit

Yoko Takahashi

Süddeutsche Zeitung,  20/21. November 1993

 

Tod und Werbung, so scheint es, passen nicht gut zusammen. In Japan ist das anders. Ein Spot der folgenden Art ist im japanischen Fernsehen keineswegs ungewöhnlich: Im Lichte der untergehenden Sonne sehen wir eine jüngere Frau lesend auf der Veranda eines Hauses. Eine ältere Frau tritt auf sie zu, worauf die jüngere hastig versucht, ihre Lektüre zu verbergen. Vergeblich, die ältere lächelt und sagt, „Lass nur, Schwiegertochter, ich weiß schon, was du da liest. Du brauchst es nicht zu verstecken. Vater und ich haben uns bereits darüber Gedanken gemacht. Wenn wir einmal tot sind, wünschen wir uns ein Grab mit schöner Aussicht auf einem Hügel.°» In Großaufnahme schwenkt die Kamera nun auf das gelassene und freundliche Gesicht der alten Frau, und auf dem Bildschirm erscheint der Schriftzug: „Wenn Sie die Seelen Ihrer Vorfahren achten und respektieren, wird wahrer Frieden in Ihr Leben einkehren. Wir, das Urnenhaus Ohnoya, bieten Ihnen eine vorzügliche Auswahl an Grabstätten, sowie für jede Religion eine würdige Totenfeier.°»  Eine eilige Kritik wird das abtun als Beweis für die totale Kommerzialisierung der japanischen Gesellschaft, die selbst vor dem Tod nicht haltmacht. Doch so einfach ist die Sache nicht. Das japanische Bestattungswesen ist ein eigentümliches Amalgam von Tradition und modernem Kommerz, das dem westlichen Denken zunächst fremd ist.

Der Schlüssel für das Verständnis des japanischen Begräbniswesens liegt in dem Zusammenspiel zweier traditioneller Institutionen, des (shintoistischen) „Ie°» und das (buddhistischen) Tempels. Ie kann man, wenn auch sehr unzureichend, mit „Familie°» oder „Haus°» übersetzen. Zum Ie gehören die Vorfahren, die Lebenden und die noch nicht Geborenen. Jeder ist seinem Ie zur Loyalität verpflichtet und kann sich umgekehrt auf dessen Unterstützung verlassen. Obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg offiziell abgeschafft, ist das Ie bis heute keineswegs verschwunden, sondern hat sich als eine sehr wandlungsfähige Institution erwiesen. Für die Angestellten ist ihr Unternehmen eine Art Ie, dem sie sich bedingungslos zugehörig fühlen, manchmal bis hin zum „Karoshi°», dem Tod durch Überarbeitung. Ebenso wenig wie es vorstellbar war, aus seiner Familie auszutreten, genauso unmöglich erschien es bis in die jüngste Zeit, dem Arbeitgeber zu kündigen. Umgekehrt hatte das Unternehmen eine Fürsorgepflicht für den Angestellten, Kündigungen von Seiten des Unternehmens gab es daher so gut wie nie. Bis heute ist es üblich, dass beim Tode eines leitenden Angestellten das Unternehmen seine Bestattung übernimmt.

Traditionell gehörte jedes Ie zu einem (buddhistischen) Tempel, der das Monopol für Begräbnisse innehatte. Der Tempel verkaufte ein kleines Stück seines Gräberfeldes, auf dem die Asche aller Mitglieder der Familie „für ewige Zeiten°» beigesetzt wurde. Die Tempel, deren einzige Einnahmequelle und Existenzgrundlage Bestattungen und damit zusammenhängende Zeremonien waren, taten alles, um diese möglichst kompliziert und teuer zu gestalten; spezielle Riten sind angesagt für den 7., den 35., den 49. und den 100. Tag nach dem Hinscheiden, sowie nach dem ersten, dem dritten, dem siebten und dem dreizehnten Jahr. Der Tote erhält einen eigenen Totennamen, der, vom Priester des Tempels ausgesucht, ebenfalls bezahlt werden muss – je heiliger die Kategorie des Namens, desto teurer kommt es die Hinterbliebenen.

 

Nach dem Gesetz erbt ein Mitglied der Familie (meist der älteste Sohn) das Familiengrab und damit die Verpflichtung für die Einhaltung der Begräbniszeremonien. Für die Bestattung ist die Familie verantwortlich. Zwar stirbt man auch in Japan heute meist im Krankenhaus, Bestattung aber bleibt Familiensache, und so wird die Leiche für die Beerdigungszeremonie nach Hause gebracht, wo in einer aufwendigen Zeremonie vom Toten Abschied genommen wird.

Wer heiratet und eine eigene Familie gründet, ist gehalten, ein eigenes Familiengrab zu kaufen. Das macht die Bestattung, auch wenn 98 Prozent aller Toten eingeäschert werden, alles andere als einfach. Es ist verboten, die Asche einfach zu verstreuen oder irgendwo außerhalb eines Friedhofs aufzubewahren. Das Land ist knapp, die Zahl der Toten wächst ins Unermessliche, und so ist in der Nähe der großen Städte ein gewöhnlicher Urnenplatz, der einem Bahnhofsschließfach nicht ganz unähnlich sieht, kaum noch unter einer Million Yen, etwa 12.000 Mark, zu haben.

Die modernen Bestattungsunternehmen knüpfen an diese durch die Familie und den Tempel keinen Platz mehr für neue Gräber haben, haben sich Immobilienfirmen, Banken und andere Unternehmen des Problems angenommen. Mit einem Tempel als religiösem Aushängeschild erschließen sie neue Urnenfelder in den Vorstädten und im Umland der großen Metropolen und verkaufen die Plätze für irrsinnigen Geld; Vier Quadratmeter auf einem Vorstadtfriedhof kosten fast 40.000 Mark.

Es scheint jedoch, dass diese Entwicklung mittlerweile an ihre Grenzen gestoßen ist. Die Anzeichen mehren sich, dass die Institution des Ie and Bedeutung verliert. Viele junge Leute finden nichts mehr dabei, den Arbeitsgeber zu wechseln, wenn es ihnen vorteilhaft scheint, und auch für die Unternehmen ist die Lebensstellung ihrer Mitarbeiter kein Tabu mehr. So sprach der Elektronikkonzern Pioneer erstmals in der Geschichte einer Gruppe älterer leitender Angestellten die Kündigung aus.

Die Zahl der Japaner, die sich weigern, dem von Ie und Tempel geforderten Ahnenkult weiter Folge zu leisten, wächst. 1991 gründete sich der „Verein für Grabfreiheit°», dessen Mitglieder für eine anonyme Feuer- oder Seebestattung ohne großen Aufwand eintreten. Ob diese Einstellung Schule macht, lässt sich schwere abschätzen. Noch ist der Geist des Ie in der japanischen Gesellschaft sehr stark, und Pioneer zog bereits einige von 30 Kündigungen nach allgemeinen Protesten wieder zurück. Der Tod wird in Japan wohl noch lange eine teure Familienangelegenheit bleiben.

 

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