Eine Schule für Bräutigame

Von Yoko Takahashi und Thomas Mormann

JAPAN magazin 3/1993

 

„Wie hat er Dir gefallen?°» Madoka fiel es schwer, ihrer Mutter auf diese Frage zu antworten, sie erinnerte sich kaum an das Gesicht des jungen Mannes, den sie vor zwei Tagen durch eine O-Miai – die traditionelle Form der japanischen Ehevermittlung – kennen gelernt hatte. Worüber hatten sie mit einander gesprochen? Welchen Eindruck hatte er auf sie gemacht? Ehe sie antworten konnte, fuhr ihre Mutter fort; „Du hast schon zweimal eine O-Miai abgelehnt. Der erste Mann, hast Du gesagt, hat nur von seiner Arbeit erzählt. Das war Dir zu langweilig. Der zweite Mann°ń, ach, ich habe vergessen, warum er Dir nicht gefallen hat. Du hast einfach zu extravagante Vorstellungen.°»

Madoka erinnerte sich nur ungern daran, wie verlegen die drei O-Miai-Kandidaten ausgesehen hatten, als sie sie unverblümt gefragt hatte, was sie von ihrer zukünftigen Frau erwarteten. Sie war sicher, diese Männer gehörten zum Stamm der „Meshi-Furo-Neru°»-Machos („Essen her, Mach°«s Bad fertig, Lass mich schlafen°»), die eine Frau nur als Dienerin oder Ersatzmutter betrachteten. Das war nichts für sie, sie wollte keine vernachlässigte Ehefrau und Mutter werden, die zu Hause sitzt und nach Sojasauce riecht. Dann hatte sie eine Idee, die ihre Mutter vielleicht besänftigen würde: „Mutter, ich habe gehört, es gibt eine Schule, die Schule für Bräutigame, in der Männer Unterricht nehmen können, um gute Ehemänner zu werden. Ich würde gern eine neue O-Miai mit einem Mann annehmen, der einen Kurs an dieser Schule absolviert hat.°» Dieser Vorschlag überraschte nicht nur die Mutter, sondern dürfte auch dem Leser seltsam vorkommen.

 

Was ist eine Schule für Bräutigame? Wenn man will, kann man diese Einrichtung als eine moderne Form des O-Miai verstehen, die versucht, den Anforderungen der modernen japanischen Frauen gerecht zu werden. In Tokio gibt es heute hunderttausende junger Männer, die heiraten wollen, aber keine Frau finden, vor allem deswegen, weil der „Beruf°» der Ehefrau für moderne Japanerinnen kaum attraktiv ist. Wie kann man dieser für Frauen und Männer wenig erfreulichen Situation abhelfen?

Keiko Higuchi, Professorin für Frauenstudien an der Kasei Universität in Tokio, hat sich dieser Notlage angenommen und eine „Schule für Bräutigame°» eröffnet. Professor Higuchi berichtet, wie es zur Gründung dieser einzigartigen Schule gekommen ist: „Zuerst war es nicht mehr als ein Witz unter Kolleginnen. Es war und klar, dass die Männer den Zug der Zeit nicht begriffen hatten. Es müsste eine Einrichtung geben, wo die Männer das Basiswissen über die neuen Frauen erwerben könnten, so etwas wie in früheren Zeiten die Mädchen lernen sollten, gute Ehefrauen und kluge Mütter zu werden.°»

Es blieb nicht nur bei der Idee. Zusammen mit Soziologinnen, Psychoanalytikerinnen und anderen Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen eröffnete Professor Higuchi eine „Schule für Bräutigame°», die sich der feministischen Aufklärung der Männer widmet. Diese Aufklärung hat ihren Preis; ein dreimonatiger Kurs mit etwa einem Dutzend Veranstaltungen kostet umgerechnet etwa 400 DM. In der Selbstdarstellung der Schule heißt es: „Die Zeit ist gekommen, wo die Frauen die Männer einladen, gemeinsam eine neue Welt zu betreten, in der Mann und Frau gleichberechtigt zusammenleben. Solange die Männer im alten Denken befangen sind, können sie dem Ruf der Frauen nicht folgen. Wir bieten allen interessierten Männer spezielle Kurse an, die helfen können zu lernen wie man die richtige Frau kennen lernen und ein neues gemeinsames Leben und Denken findet.°»

 

Im Lehrplan werden unter anderem die folgenden Themen behandelt. „Unterdrückungsstrukturen gegen Frauen; Männer bemerken sie nicht°», „Emotionale Unreife bei Männern°», „Sex, wie ihn Frauen wollen°» oder „Überlebensstrategien im Ehekrieg°». Die Soziologin und Frauenforscherin Chizuko Ueno, die dieses Thema unterrichtet, beschreibt in der angesehenen konservativen Zeitung Yomiuri die Einschätzung junger Japanerinnen, was Männer und Heirat betrifft so: „Die Frauen von heute orientieren sich an widersprüchlichen Leitbildern. Auf der einen Seite sind sie überzeugt, dass sie wirtschaftlich unabhängig von einem Mann sein können. Dabei rechnen sie auch auf die Unterstützung ihrer Eltern.

Für diese Frauen ist Heiraten keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr, sondern eher ein Luxus. Sie geben sich deshalb nicht damit zufrieden, dass ein Ehemann ihre Versorgung sicherstellen kann. Andere Qualitäten des Heiratskandidaten werden wichtig. Andererseits hören viele junge Frauen immer noch auf die Stimme der Tradition, der zufolge für jede Frau Heirat und Kinder eine innere Lebensnotwendigkeit darstellt.°»

Die Vorstellung von Heirat als Luxus hat bei vielen jungen Japanerinnen, so auch bei Madoka, zu unrealistischen Ansprüchen an die Männer geführt – gefragt sind nur solche Heiratskandidaten, die die (mittlerweile sprichwörtlichen) „drei Ko°» erfüllen: ko-gakureki (hoch qualifizierte Ausbildung), ko-shincho (Körpergröße) und ko-shunyu (hohes Einkommen). Wir wissen nicht, ob Madoka tatsächlich eine O-Miai mit einem Mann von der Schule für Bräutigame gehabt hat. Nur etwa einige Hundert Männer haben bisher die Kurse dieser Schule absolviert, und so schnell wird sich an den traditionellen Verhaltensweisen der japanischen Männer nichts ändern. Trotzdem, es sind die Frauen, die noch am ehesten etwas frischen Wind in die oft stickige Atmosphäre der japanischen Männergesellschaft bringen könnten.

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