Feminismus á la japonaise – Neue Entwicklungen in Nippons Geschlechterkampf

Von Yoko Takahashi

JAPAN Magazin Jan./Feb.1996

Bis heute irritiert es Ausländer immer wieder aufs Neue: die Industriegesellschaft, das Ausbildungssystem, die Demokratie, alles das, und noch manches andere, kopierten die Japaner vom Westen – was sie daraus machten, ähnelt dem ursprünglichen Vorbild gleichwohl nur oberflächlich. Das gilt für Börse und Baseball, es reicht von den politischen Parteien bis hin zur japanischen Mafia. Es ist auch richtig für den Feminismus und die Frauenbewegung, deren Theorie aus dem Westen importiert wurde, deren Praxis in Japan mit dem Original jedoch nur noch wenig gemein hat.

Die Revolte der japanischen Frauen gegen die traditionelle japanische Männergesellschaft ist anarchisch, individualistisch und untheoretisch. Dennoch ist sie alles andere als ineffektiv.

In Japan ist die Frau zur beherrschenden Figur der Familie geworden, der Ehemann, als aufopferungsvoller Samurai der „Nippon AG°» verpflichtet, ist in der Familie so gut wie gar nicht präsent. Die Frau hat einen (Halbtags-)Job und erzieht die Kinder, verfügt mit der Familienkreditkarte über die Früchte des Wirtschaftwunders. Der Mann, im Berufsleben ein diszipliniertes und geachtetes Element der Firmenhierarchie, regrediert zuhause zum Hätschelkind, das überall im Wege ist: er ist Sodaigomi, „Sperrmüll°» wie der wenig schmeichelhafte Fachausdruck dafür lautet.

Offiziell sitzen die japanischen Männer auf dem hohen Ross, privat haben sie einen Heidenrespekt vor ihren Frauen, die das häusliche Leben fast uneingeschränkt beherrschen.  Bemüht, sich über sie lustig zu machen, nennt man sie Obatarian, d.h. „Streitäxte°». Typische Vertreter dieser Spezies sind zwischen dreißig und sechzig Jahre alt, aufdringlich und lästig wie Wespen tyrannisieren sie ihre Männer, drängeln im Sommerschlussverkauf, besetzen die Kurse der Volkshochschulen, dominieren den Massentourismus und organisieren sich mit ihren Kameradinnen in Frauennetzwerken und ähnlichem.

Die Streitäxte verkörpern einen anarchisch selbstbestimmten Frauentypus, wie er kürzlich in einem preisgekrönten TV-Werbespot so persifliert wurde: eine mittelalterliche, nicht sonderlich attraktive Frau räkelt sich auf dem Sofa und trällert vor sich hin: „Ach, wie bequem, der alte ist gesund und nicht da°ń.°» Das amüsiert das Publikum, die Streitäxte leben vor, wie groß die Kluft geworden ist zwischen Sotozura, dem offiziellen Gesicht in der Öffentlichkeit, und Uchzura, dem privaten Gesicht zuhause.

Alle wissen, dass die Japanerin in der Öffentlichkeit ihre Rolle als selbstlose Dienerin professionell zu spielen weiß, lässt sie aber ihre Maske fallen – wie die Frau im Werbespot – sieht man eine Furie, die das Haus, die Finanzen, die Kinder und den Mann rücksichtslos dominiert. Besonders die älteren Männer haben zu leiden. Für die rachsüchtigen Streitäxte sind sie, so die feministische Soziologin Keiko Higuchi, Nure-Ochiba, „nasses Laub°», das am Besen klebt, wenn frau fegen will – hilflos, emotional abhängig, und rein zu gar nichts gut.

 

Nach einer Umfrage vom Juni letzten Jahres waren fast zwei Drittel der Männer über sechzig mit ihrem Eheleben zufrieden, aber nicht einmal ein Drittel der Frauen. Aus diesem Grunde sahen sich einige Kreisverwaltungen veranlasst, für Nure-Ochiba Kandidaten Nachhilfekurse anzubieten, um das Schlimmste abzuwenden.

Die jüngeren Männer stehen im Kampf der Geschlechter nicht viel besser da. Die jungen Japanerinnen verspüren wenig Lust, sich fest zu binden oder gar zu heiraten und Kinder zu bekommen. Sie wollen sich nicht festlegen und ziehen es vor, über eine ganze Palette von Männern zu verfügen. Die reicht vom Asshii-kun, der chauffiert, wenn die U-Bahn nicht mehr fährt, über den Messhii-kun, von dem frau sich ins Restaurant einladen lässt, bis zum Nesshii-kun, der die Rolle des Liebhabers innehat.

Die Journalistin Shiho Tanimura diagnostizierte bei vielen Frauen ein „May-Not-Marry°»-Syndrom, was folgerichtig viele heiratswillige japanische Männer am „Cannot-Marry°»-Syndrom erkranken lässt.

Früher war das anders, da galt dreiundzwanzig als das beste Heiratsalter für Frauen, und war eine Junggesellin älter als fünfundzwanzig, bezeichnete man sie despektierlich als „alten Weihnachtskuchen°», den nach dem Fest niemand mehr essen will.

 

Heute dagegen ist Japan, zusammen mit der Bundesrepublik, das Land, wo sich die jungen Leute am längsten Zeit mit dem Heiraten lassen. Nach einer Statistik tun Frauen diesen Schritt erst mit 26,1, Männer gar mit 28,4 Jahre (Für Deutschland lauten die entsprechenden Zahlen 26,2 für Frauen und 28,7 für Männer).

Mittlerweile hat die Widerspenstigkeit der Frauen einen Punkt erreicht, wo sie öffentlich wirksam zu werden beginnt. Dem Protest der Frauen gelang es, einige Gesetzesvorhaben auf den Weg zu bringe, die die japanische Gesellschaft nicht unbeträchtlich verändern werden. Das Gesetz, das einen gemeinsamen Ehenamen vorschreibt – der natürlich bisher fast immer der des Ehemannes war – wird demnächst geändert werden. In Zukunft wird dann eine Ehe, auch gegen den Willen eines Partners, nach spätestens fünf Jahren geschieden werden können.

Diese Veränderungen greifen tief ein in das Ie, das traditionelle japanische Familiensystem, welches die verheiratete Frau vollständig in die Familie des Mannes integrierte und ihre Individualität im Interesse der Familie weitgehend ignorierte. Die Möglichkeit der Scheidung widerspricht fundamental der traditionellen Amae-Mentalität, die vom anderen Verständnis und Nachsicht erwartet und keine deutliche Abgrenzung zwischen Angehörigen einer Familie akzeptiert.

Ob jedermann und jedefrau mit den neuen Freiheiten zurechtkommen wird, steht dahin. Man ist noch dabei, die Unterhalts- und Versorgungsprobleme nach einer Scheidung gesetzlich zu regeln. Gleichwohl ist in letzter Zeit die Zahl der Scheidungen beträchtlich in die Höhe geschnellt. In Zukunft wird es immer mehr, keineswegs immer freiwillige männliche und weibliche Singles geben, was die japanische Gesellschaft vor erhebliche neue Probleme stellt.

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