表紙 年表 夢遊の人々 ウエルギリウスの帰郷 ウエルギリウスの死 知られざる偉大さ 罪なき人々 魅惑




ウェルギリウスの死

Der Tod des Vergil






訳文へ


            Wasser --- Die Ankunft


Stahlblau und leicht, bewegt von einem leisen, kaum merklichen Gegenwind, waren die Wellen des Adriatischen Meeres dem kaiserlichen Geschwader entgegengestroemt, als dieses, die maehlich anrueckenden Flachhuegel der kalabrischen Kueste zur Linken, dem Hafen Brundisium zusteuerte, und jetzt, da die sonnige, dennoch so todesahnende Einsamkeit der See sich ins friedvoll Freudige menschlicher Taetigkeit wandelte, da die Fluten, sanft ueberglanzt von der Naehe menschlichen Seins und Haasens, sich mit vielerlei Schiffen bevoelkerten, mit solchen, die gleicherweise dem Hafen zustrebten, mit solchen, die aus ihm ausgelaufen waren, jetzt, da die braunsegeligen Fischerboote bereits uberall die kleinen Schutzmolen all der vielen Doerfer und Ansiedlungen laengs der weissbespulten Ufer verliesen, um zum abendlichen Fang auszuziehen, da war das Wasser beinahe spiegelglatt geworden; perlmuttern war daruber die Muschel des Himmels geoeffnet, es wurde Abend, und man roch das Holzfeuer der Herdstaetten, sooft die Toene des Lebens, ein Haemmern oder ein Ruf von dort hergeweht und herangetragen wurden.




Feuer -- Der Abstieg


Die Elegien

            1

Gesetz und Zeit,
auseinander geboren,
einander aufhebend und stets aufs neu sich gebaerend,
einander spiegelnd und nur hiedurch erschaubar,
Ketten der Bilder und Gegenbilder
die Zeit umschliessend, das Urbild umschliessend,
keines von beiden jemals zur Gaenze erfassend und dennoch
zeitloser und zeitloser werdend,
bis im letzten Echo ihres Zusammenklanges,
bis in einem letzten Sinnbild
sich das des Todes mit dem alles Lebens vereinigt,
die Bildwirklichkeit der Seele,
ihre Wohnstatt, ihr zeitloses Jetzt und daher
das in ihr verwirklichte Gesetz,
ihre Notwendigkeit.


            2

denn wer die erste Pforte des Schreckens hinter sich gelassen
    hat,
der ist in den Vorhof der Wirklichkeit eingezogen,
da seine Erkenntnis, sich selbst entdeckend und wie zum ersten
    Male
auf sich selbst gerichtet,
das Notwendige im All, das Notwendige jeglichen Geschehens
    als
das Notwendige der eigenen Seele zu begreifen anhebt;
denn der, dem solches widerfaehrt,
der ist hinausgehalten in die Einheit des Seins,
in das reine Jetzt, das dem All und dem Menschen gemeinsam
    ist,
seiner Seele unveraeusserlichster Besitzstand,
kraft welchem sie schwebt, schwebend vor Notwendigkeit,
ueberschwebend den drohend geoeffneten Nichts-Abgrund,
ueberschwebend die Blindheit des Menschen;
denn er ist hinausgehalten in das ewigwaehrende Jetzt der Frage,
in das ewigwaehrende Jetzt nicht-wissenden Wissens, in des
    Menschen goettliches Vor-Wissen,
nicht-wissend weil es fragt und fragen muss,
wissend weil es jeder Frage vorangeht,
goettlich dem Menschen und nur ihm von Anbeginn verliehen
als seine innerste menschliche Notwendigkeit,
um derentwillen
er stets aufs neu die Erkenntnis zu befragen hat und
stets aufs neu von ihr befragt wird,
antwortsbang der Mensch, antwortsbang die Erkenntnis,
erkenntnisgebunden der Mensch, menschheitsgebunden die
    Erkenntnis,
sie beide ineinandergebunden und antwortsbang,
ueberwaeltigt von der Gotteswirklichkeit des Vor-Wissens,
von der Wirklichkeitsweite der wissenden Frage, die
von keiner irdischen Antwort, von keiner irdischen Erkennt-
    niswahrheit
je zu erreichen ist und doch nur hier
im Irdischen beantwortet werden kann, beantwortet werden
    muss,
im Irdischen verwirklicht
als das Wechselspiel der verdoppelten Weltgestaltung,
Wirklichkeit zur Wahrheit umgestaltet, Wahrheit zur Wirklich-
    keit,
gemaess dem Befehl, dem die Seele untertan ist,
ihre Notwendigkeit;
denn die zur Frage gespannte Seele
ist hineingehalten in ihr Wahrheitsheil, das
erkenntnisbefohlen, fragebefohlen, gestaltungsbefohlen,
gespannt zwischen Wissenssicherheit und Erkenntnisfaehigkeit,
die Wirklichkeit sucht,
und solcherart
aufgerufen vom Ur-Wissen, aufgerufen von dieser wissenden
    Frage,
die um des Seins einheitsstiftende Zufallslosigkeit weiss,
hingerufen darob zum erkenntnisgeborenen Wissen,
hingerufen zu seiner Verwirklichung,
hingerufen zur Erkenntnis des Gesetzes, des zufallsentbloessten,
ist die Seele in stetem Aufbruch begriffen,
aufbruchsbereit und aufbrechend zur eigenen Wesenheit hin,
zu ihrer Kreatuerlichkeit und Ausserkreatuerlichkeit,
zufallsentbloesst beides in der Erkenntnis des Gesetzes,
ihr Ausgangspunkt und ihr Ziel sphaerenvereinigt,
den Menschen zum Menschen machend;
denn in den wissenden Erkenntnisgrund seiner Seele
ist der Mensch hineingehalten,
in den Erkenntnisgrund
seines Tuns und Suchens, seines Wollens und Denkens, seines
    Traeumens,
und er ist aufgetan der unendlichen Zufallslosigkeit im Wirkli-
    chen,
diesem umfassendsten und gewaltigsten,
ehernsanft wahrhaftigsten Wirklichkeitssinnbild seines Selbst,
in das er heimkehren will und heimkehrt
fuer immerdar,
hineingehalten in das Jetzt seines eigenen Sinnbildes,
auf dass es ihm zur steten Wirklichkeit werde;
denn es ist das Trotzdem seines Aufrufs,
in das der Mensch hineingehalten ist,
das Trotzdem des Eingekerkerten,
das Trotzdem seiner unverloeschlichen Freiheit
und seines unverloeschlichen Erkenntniswillens,
so unbeugsam,
dass er groesser als die irdische Unzulaenglichkeit wird,
ueber sich hinauswachsend
das titanische Trotzdem des Menschentums;
wahrlich, in seine Erkenntnisaufgabe ist der Mensch hineinge-
    halten,
und nichts vermag ihn davon abzubringen,
auch nicht die Unentrinnbarkeit des Irrtums,
verschwindend dessen Zufaelligkeit vor der
zufallsenthobenen Aufgabe;


            3

denn nur im Irrtum, nur durch den Irrtum,
in den er unentrinnbar hineingehalten ist,
wird der Mensch zum Suchenden
der er ist,
der suchende Mensch;
denn der Mensch braucht die Erkenntnis der Vergeblichkeit,
er muss ihren Schrecken, den Schrecken jeden Irrtums
auf sich nehmen und, ihn erkennend,
bis zur Neige auskosten,
er muss des Schreckens inne werden,
nicht aus Selbstqual, wohl aber
weil nur in solch erkennendem Innewerden
der Schrecken zu ueberwinden ist,
weil nur dann es moeglich wird,
durch des Schreckens hoernerne Pforte hindurch
ins Sein zu gelangen;
darum ist der Mensch hineingehalten in den Raum aller Unsi-
    cherheit,
hineingehalten, als truege kein Schiff ihn mehr,
obwohl er dahinschwebt auf schwebender Barke;
darum ist er hineingehalten in die Raeume und Aber-Raeume
seines Innewerdens,
in die Raeume seines innewerdenden Ichs,
Schicksal der menschlichen Seele,
aber derjenige, hinter dem
die schweren Torfluegel des Schreckens sich geschlossen haben,
der hat den Vorhof der Wirklichkeit erreicht, und
das nicht-erkannt Fliessende, ueber das er schwebend dahinglei-
    tet,
das Nicht-Erkennen, es wird ihm zum Wissensgrund,
da es das fliessende Wachstum seiner Seele ist,
das unvollendbar Unvollendete des eigenen Selbst,
dennoch als Einheit sich entfaltend,
sobald das Ich seiner selbst inne wird,
unvergaenglich vor Wachstum die fliessende Einheit des Alls
ihm inne geworden, von ihm gesehen
in einer Gleichzeitigkeit, die kraft ihres Jetzt
all die Raeume, in die er gehalten ist, zu einem einzigen macht,
zum ein-einzigen Raum des Ursprunges,
und gleich diesem
das Ich in sich birgt, um doch vom Ich gehalten zu werden,
von der Seele umfangen wird und doch die Seele umfaengt,
in der Zeit ruhend und die Zeiten bestimmend,
dem Gesetz der Erkenntnis verhaftet und die Erkenntnis schaf-
    fend,
mitschwebend in ihrem fliessenden Wachsen,
mitschwebend in ihrem schwebend wachsenden Werden, das
    allein
der Wirklichkeitsursprung ist,
so jenseitsgross die Ineinanderverstrahlung des Innen und
Aussen,
dass Schweben und Gehaltenwerden, dass Befreiung und Ein-
    kerkerung
zu ununterscheidbar gemeinsamer Durchsichtigkeit verfliessen,
oh, so unvergaenglich notwendig,
oh, so ueber alle Massen durchsichtig,
dass in der abgeschlossen-oberen Sphaere,
allein dem Blick erreichbar, allein der Zeit erreichbar,
gewusst in beiden,
widerspiegelt in beiden, gespiegelt in dem geoeffneten
und von ehern-sanfter Hand himmelswaerts gerichteten Men-
    schenantlitz
schicksalsumwoben
sternenumwoben
das verheissene Geschenk der Nichtvergeblichkeit aufleuchtet,
zufallsbefreit geschenkte Zeit fuer immerdar,
erkenntnisoffen der Trost im Irdischen -,


            4

Denn
an der entruecktesten Grenze strahlt die Schoenheit auf,
aus entruecktester Ferne strahlt sie in den Menschen
erkenntnisentrueckt, frageentrueckt,
muehelos
nur noch dem Blick erfassbar,
die von der Schoenheit gestiftete Einheit der Welt,
gegruendet auf dem schoenen Gleichgewicht der Uberferne,
die alle Punkte des Raumes durchdringt, mit Ferne sie saettigend
und - schier daemonisch - nicht nur das Widersprechendste
in Gleichrangigkeit und Bedeutungsgleichheit aufloest,
sondern - noch daemonischer - an jedem Punkt auch
die Raumesferne mit Zeitenferne erfuellt,
stillstehend die Flutwaage der Zeit an jedem Punkt,
nochmals ihr saturnischer Stillstand,
nicht Aufhebung der Zeit, wohl aber ihr.ewigwaehrendes Jetzt,
das Jetzt der Schoenheit, als duerfte in ihrem Anblick
der Mensch, obwohl aufgerichtet und aufwaertswachsend, wie-
    der zuruecksinken
in sein daemmerig liegendes Lauschen,
neuerlich hinerstreckt zwischen den Tiefen des Oben und Un-
    ten,
neuerlich einswerdend mit dem lauschenden Blick, den er aus-
    sendet,
als erlaubte die Tiefe ein neuerliches Teilhaftigwerden, das
frei von Erkenntnis und Frage
urzeitlich und vor-urzeitlich auf Erkenntnis und Frage verzich-
    ten darf,
verzichtend auf die Unterscheidung von Gut und Boese,
entfliehend der menschlichen Erkenntnispflicht,
fliehend in eine neuerliche und darum falsche Unschuld, auf
    dass
das Verwerfliche und das Pflichtgebotene, das Unheil und das
    Heil,
das Grausame und das Guetige, das Leben und der Tod,
das Unverstaendliche und das Verstaendliche
zu einer einzigen unterscheidungslosen Gemeinsamkeit werden
    moegen,
umschlossen von dem einheitsstiftenden Band der Schoenheit,
muehelos einverstrahlt in den sie umfassenden Blick,
und ebendarum ist es wie Verzauberung, und verzaubert-ver-
    zaubernd,
daemonisch allesaufnehmend ist die Schoenheit,
alleseinschliessend ihr saturnisches Gleichgewicht,
ebendarum aber auch ein Rueckfall ins Vor-Goettliche,
ebendarum Erinnerung des Menschen an etwas, das noch vor
    seinem Vor-Wissen stattgehabt hat,
Erinnerung an eine vor-goettliche Werdezeit der Schoepfung
Erinnerung an eine unterscheidungslos daemmerhafte Zwi-
    schenschoepfung
bar des Eides, bar des Wachstums, bar der Erneuerung,
dennoch Erinnerung und als solche fromm, wenngleich eidlose,
    wachstumslose, erneuerungslose Froemmigkeit,
die daemonische Froemmigkeit der Schoenheitsentrueckung
in die Entruecktheit aeusserster Grenzen,
doch ohne den Willen, die Grenze zu ueberschreiten,
rueckgewendet zum Vor-Anfang,
das Vor-Goettliche goettlichen Anscheins,
die Schoenheit;


            5

also in trauernder Traurigkeit,
also enthuellt sich dem Menschen die Schoenheit,
enthuellt sich ihm in ihrer Insichgeschlossenheit, welche die
des Sinnbildes und des Gleichgewichtes ist,
verzaubernd schwebend in dem Gegenueber
von schoenheitsschauendem Ich und schoenheitserfuellter Welt,
ein jedes der beiden im eigenen Raum, ein jedes der beiden in
    sich begrenzt,
ein jedes insichgeschlossen im eigenen Gleichgewicht, und
    ebendeshalb beides
im Gleichgewicht zueinander, ebendeshalb in einem gemeinsa-
    men Raum;
es enthuellt sich darin dem Menschen
die Insichgeschlossenheit der schoenen Irdischkeit,
die Insichgeschlossenheit des zeitgetragenen, zeiterstarrten
Raumes, des schwebend hingebreiteten, des zauberhaft schoe-
nen, der sich an keiner Frage mehr erneuert, an keiner Er-
kenntnis mehr erweitert,
die unerneuerbar-unerweiterbar stete Raumesganzheit, gehal-
    ten vom Gleichgewicht
der in ihr wirkenden Schoenheit, und diese insichgeschlossene
    Ganzheit des Raumes offenbart sich in jedem seiner Teile,
in jedem seiner Punkte, als sei ein jeder seine innerste Grenze,
offenbart sich in jeder einzelnen Gestalt, in jedem Ding, in je-
    dem Menschenwerk,
in jedem als das Sinnbild seiner eigenen Raumhaftigkeit,
als deren innerste Grenze, an der jede Wesenheit sich selbst
    aufhebt,
das raumaufhebende Sinnbild, die raumaufhebende Schoenheit,
    raumaufhebend
kraft der Einheit, die sie zwischen innerer und aeusserer Grenze
    herstellt,
kraft der Insichgeschlossenheit des unendlich Begrenzten,
die begrenzte Unendlichkeit, die Trauer des Menschen;
also enthuellt sich ihm die Schoenheit als ein Geschehen der
    Grenze,
und die Grenze, die aeussere wie die innere,
sei sie die des fernsten Horizontes, sei sie die eines einzigen
    Punktes,
ist zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen gespannt
im Entruecktesten, trotzdem immer noch im Irdischen, immer
noch in der irdischen Zeit, ja sie begrenzt die Zeit und bewirkt
    deren Verweilen,
ihr in sich ruhendes Verweilen an der Raumesgrenze,
doch sie hebt die Zeit nicht auf,
ist blosses Sinnbild, irdisches Sinnbild der Zeitaufhebung,
blosses Sinnbild der Todesaufhebung, nimmermehr diese sel-
    ber,
Grenze des Menschlichen, das noch nicht ueber sich hinausge-
    langt ist
und sohin auch Grenze des Unmenschlichen;
es enthuellt sich dem Menschen das Geschehen der Schoenheit
als das, was es ist, als das, was die Schoenheit ist,
als das Unendliche im Endlichen,
als die irdische Scheinunendlichkeit
und darum Spiel,
als das Unendlichkeitsspiel des irdischen Menschen in seiner
    Irdischkeit,
als das Sinnbildspiel an der aeussersten irdischen Grenze,
Schoenheit, das Spiel an sich,
das Spiel, das der Mensch mit seinem eigenen Sinnbild spielt,
    um damit
sinnbildhaft - anders glueckt's nicht - der Einsamkeitsangst zu
    entgehen,
die schoene Selbsttaeuschung aufs neu und aufs neu wiederholt,
die Flucht in die Schoenheit, das Fluchtspiel;
da enthuellt sich dem Menschen die Starrheit der verschoenten
    Welt,
ihre Unfaehigkeit zu jeglichem Wachstum, die Begrenzung ihrer
    Vollkommenheit,
die bloss in der Wiederholung unvergaenglich wird und
um solcher Schein-Vollkommenheit willen stets aufs neue ge-
    sucht werden muss,
es enthuellt sich ihm das Spiel der schoenheitsdienenden Kunst,
ihre Verzweiflung, ihr verzweifelter Versuch,
aus vergaenglichem Sein das Unvergaengliche zu schaffen,
aus Worten, aus Toenen, aus Steinen, aus Farben,
auf dass der gestaltete Raum
die Zeiten ueberdauere
als schoenheitstragendes Mal fuer kommende Geschlechter, die
    Kunst
raumbauend in jedem Bilde,
das Unsterbliche im Raum, nicht im Menschen
und darum wachstumslos,
gebunden an nur wiederholbare, wachstumslose Vollkommen-
heit, die niemals sich selbst erreicht, wachsend verzweifelt je
vollkommener sie wird,
verkerkert der ewigen Wiederkehr zu ihrem Ausgang in sich
    selber
und darum hart,
hart gegen menschliches Leid, weil es ihr nicht mehr bedeutet
als vergaengliches Sein, nicht mehr als Wort, Gestein, Getoen
    oder Farbe,
benuetzt zur Schoenheitssuche und Schoenheitsentdeckung
in steter Wiederholung;
und es enthuellt sich dem Menschen die Schoenheit als Grausam-
    keit,
als die wachsende Grausamkeit des ungezuegelten Spieles, das
im Sinnbild Unendlichkeitsgenuss verspricht,
erkenntnisverachtenden, geniesserischen Genuss
irdischer Schein-Unendlichkeit
und darob unbedenklich Leid und Tod zuzufuegen vermag,
da es im grenzentrueckten Gebiet der Schoenheit geschieht,
nur dem Blick noch erreichbar, nur der Zeit noch erreichbar,
    aber nicht mehr der Menschlichkeit und der menschlichen
    Pflicht;
so enthuellt sich dem Menschen die Schoenheit als Gesetz ohne
    Erkenntnis,
die Verworfenheit einer Schoenheit, die sich selbst zum Gesetz
    gesetzt hat
um ihrer selbst willen
insichbeschlossen, unerneuerbar, unerweiterbar, unentwickel-
    bar,
der Genuss als Spielgesetz der Schoenheit
geniesserisch, wolluestig, unkeusch, unveraenderbar
das schoenheitsdurchtraenkte, schoenheitsdurchtraenkende Spiel,
    das selber schoenheitsverspielt
an der Wirklichkeitsgrenze ablaeuft und
die Zeit vertreibend, doch nicht sie aufhebend,
den Zufall ausspielend, doch ihn nicht beherrschend,
endlos wiederholbar, endlos fortsetzbar, dennoch
von vorneherein zum Abbruch bestimmt,
weil nur das Menschliche goettlich ist;
und so enthuellt sich dem Menschen der Schoenheitsrausch
als das von vorneherein verlorene Spiel, verloren
trotz der Unvergaenglichkeit des Gleichgewichtes, in dem es
    statthat,
trotz der Notwendigkeit, in der es immer wiederholt werden
    muss,
verloren, weil die Unvermeidlichkeit der Wiederholung zu-
    gleich auch
die Unvermeidlichkeit des Verlustes ist,
unvermeidlich einander verhaftet
der Rausch der Wiederholung und der des Spieles,
beide der Dauer untertan,
beide daemmerhaft,
wachstumslos sie beide, freilich in wachsender Grausamkeit,
indes das wahre Wachstum,
das Wissenswachstum des erkennenden Menschen
unbegrenzt von Dauer und frei von Wiederholung sich in der
    Zeit entfaltet,
entfaltend die Zeit zur Zeitlosigkeit, so dass
sie, die jede Dauer verzehrt, mit wachsender Wirklichkeit
Grenze um Grenze, innerste wie aeusserste, aufreisst und ueber-
    schreitet,
Sinnbild um Sinnbild hinter sich zuruecklassend, und mag auch
der Schoenheit letzte Sinnbildhaftigkeit nicht dadurch zerstoert
    werden,
unangetastet die Notwendigkeit ihres letzten Ebenmasses,
es wird, nicht minder notwendig, das Irdische ihres Spieles ent-
    larvt,
entlarvt die Unzulaenglichkeit des irdischen Sinnbildes,
es wird der Schoenheit Trauer und Verzweiflung aufgedeckt,
aufgedeckt der ernuechterte Schoenheitsrausch,
erkenntnisverlustig und verloren in Erkenntnislosigkeit
das ernuechterte Ich,
seine Armut -,


            6

denn
Vorrecht der Goetter und der Menschen ist das Lachen,
urferne stammt es von dem Gott, der sich selbst erkannt hat,
stumm-ahnend stammt es aus seinem Vorwissen,
aus seinem Vorwissen um die eigene Vernichtbarkeit,
aus seinem Vorwissen um die Vernichtbarkeit des Geschaffe-
    nen, in dem
er als mitgeschaffener und mitschaffender Teil sein Dasein lebt,
wachsend kraft Welterkenntnis zur Selbsterkenntnis und ueber
    diese hinaus
rueckgewendet zum Vorwissen,
aus der das Lachen stammt;
oh, Goettergeburt und Menschengeburt, oh, Goettertod und
    Menschentod,
oh, ihrer beider Anfang und Ende fuer ewig miteinander ver-
    strickt,
oh, es stammt das Lachen aus dem Wissen um die Ungoettlich-
    keit der Goetter,
aus diesem dem Gott und dem Menschen gemeinsamen Wissen,
es stammt aus jener unruhigen, beunruhigend durchsichtigen
Zone der Gemeinsamkeit,
die daemonisch zwischen dem Jenseitigen und dem Diesseitigen
    gespannt ist,
damit in ihr, in solch daemmerhafter Daemonenzone
Gott und Mensch einander begegnen koennen, begegnen moe-
    gen,
und ist es Zeus, der das Lachen im Kreise der Goettermaenner
anstimmt, so ist es der Mensch, der das Lachen der Goetter er-
    weckt,
gleichwie
in unaufhoerlichem Kreislauf spassig-ernsten Wiedererkennens
das Lachen des Menschen vom Gebaren des Tieres erweckt
wird,
gleichwie
der Gott sich im Menschen, der Mensch sich im Tiere wieder-
    findet,
so dass das Tier vom Menschen zum Gott erhoben wird,
der Gott aber durch das Tier in den Menschen zurueckkehrt,
Gott und Mensch trauernd vereint, trotzdem vom Lachen
    uebermannt, weil es
das Spiel der urploetzlichen Vermischung aller Sphaeren ist, von
    dessen
    Schicksalsregel
sie erfasst worden sind,
das Spiel der urploetzlich enthuellten Ur-Nachbarschaft,
das grosse Spiel des Sphaeren-Durcheinanders,
ein Goetterspiel, das schoenheitsvernichtend und ordnungsauf-
    hebend
Schoepfungs-Gottheit und Geschoepflichkeit unheimlich mitein-
    ander verquickt
und beides lustig dem Zufall preisgibt,
Greuel und Zorn der wissenden Muttergoettin,
Spass und Wagnis des erkenntnisbefreiten, erkenntnisverach-
    tenden Gottes,
lachensueberstroemt,
weil solcher Spass jaehester Sphaerenvereinigung, ohne dass hiezu
auch nur die leiseste Spur von Erkenntnis oder von Frage
oder sonst irgendeiner Leistung vonnoeten gewesen waere, sich
als Selbstpreisgabe vollzieht, als froehlich leichtsinnige
Preisgabe
an den Zufall, an die Zeit,
an das unvermutet Vorgewusste, vorgewusst Unvermutete,
ans lustvoll Unvermittelte des Vorwissens und,
sei's drum,
auch an den Tod;
Spass aus dem Unerforschlichen, Spass, der so gross ist, dass mit
der spassigen Zerschlagung der letzten Gesetzlichkeitsreste,
mit dem spassigen Zusammenbruch der Ordnungen, der Gren-
    zen und der Bruecken,
mit dem Zusammenbruch der Raumerstarrungen und deren
    Schoenheit,
dass mit dem Zusammenbruch des Schoenheitsraumes
urgueltig und endgueltig die Umkehrung erfolgt,
die Umkehrung
ins grenzenlos Erkenntnislose, namenlos Sprachlose, bruecken-
    los Raumlose,
ineinanderstuerzend die Trennungen,
ineinanderstuerzend das Vorwissen des Gottes mit dem des
    Menschen,
zusammenstuerzend ihre gemeinsame Schoepfung, und dagegen
aufbrechend die zur unmittelbaren Naehe umgestuelpte Aonen-
    ferne,
aufbrechend die Aonenferne der Vorschoepfung,
aufbrechend das Vorschoepfungsbild in einer Unerinnerung, die
    nicht
einmal dem Vorwissen des Gottes zugaenglich ist,
aufbrechend zu einer Ununterscheidbarkeit, in der
Wirkliches und Unwirkliches,
Lebendes und Lebloses,
Sinnvolles und Graessliches
zu naemlicher Ungedachtheit vergattet sind,
aufbrechend das unerahnbare Nirgendwo, in dem
die Sterne auf dem Grund der Gewaesser fluten
und nichts so weit auseinanderliegen koennte,
dass es sich nicht als ineinanderverschachtelt zeigte,
witzig vor Auseinandergestuelptheit und Ineinandergestuelpt-
heit, zufaellig ineinandergeraten und zufaellig auseinander her-
    vorgesprossen,
witzig
die ununterscheidbaren Zufallswesenheiten des Zeitenablaufs,
Goetterherden, Menschenherden, Tierherden, Pflanzenherden,
    Sternherden
ineinander verhaust;
aufgebrochen das Nirgendwo des Gelaechters,
lachend aufgebrochen die Weltenumstuelpung schlechthin,
als haette es niemals jenen Eid der Schoepfung gegeben,
den Eid, mit dem Gott und Mensch sich gegenseitig verpflichtet
    haben,
verpflichtet zur Erkenntnis und wirklichkeitsschaffenden Ord-
    nung,
verpflichtet zur Hilfe, welche die Pflicht zur Pflicht ist;
oh, es ist das Lachen des Verrates,
das Lachen der unbeschwert muehelosen Treulosigkeit,
es ist das Ungute und Unverpflichtete der Vorschoepfung,
dies ist es,
das ungute Erbe, der gelaechter-verhaltene Zersprengungskeim,
der aller Weltenschoepfung von Anbeginn eingeboren ist, un-
ausrottbar, aufscheinend bereits in der laechelnd heitern Hinter-
    gruendigkeit, mit der
sie sich vorschoepferisch-lieblich als Anmut kundtut,
aufscheinend in dem vorschoepferisch-erbarmungslosen Wis-
    sen, mit dem
selbst das Graessliche schoenheitsverspielt
zur mitleidsbaren, mitleidserstarrenden Ferne verklaert wird,
und darueber hinaus, ueber jedwede Ferne hinaus, aeusserste und
    innerste vereint,
aufscheinend in des raumlosen Un-Raumes witzig furchtbarer
    Oberflaeche, zu der
die Schoenheit, ist die Zeitengrenze erreicht, sich umstuelpt, auf-
    stuelpend
ihren innersten, hintergruendigsten Hintergrund,
die ihr eingeborene und immer wieder aus ihr herausgeborene
    ungestaltbar ungestaltete Unerschaffenheit,
aus ihr herausgeboren, aus ihr herausgestuelpt, aus ihr herausge-
    stuerzt
das Lachen,
die Sprache der Vorschoepfung -,






Die Shicksals Elegien
            1

Shicksal, du gehst allen Goettern voran,
Warst vor-vorbereitet vor jeglicher Schoepfung,
Des Ur-Anfangs Nacktheit bist du, treu nur
Dir selber, allesdurchdringende Form und kalt.
Schoepfung und Schoepfer in einem,
Geschehen und Wissen und Deutung zugleich,
Durchdringt deine Bloesse den Gott und den Menschen,
Befiehlst das Erschaffene.
Und da du's befahlst, entloeste der Gott sich
Dem eigenen Unsein und wurde zum Vater,
Rufend die Namen des Lichts aus der Stummheit,
Aus dem Schoss der ur-urnaechtlichen Mutter,
Ununterschiedliches ins Benennbare rufend,
Zur Gestalt Gestaltlose.
Ur-Schweigen ward da zu Sprache, und singend das Urgetoese
Singen die Sphaeren dein Wort.
Doch im Traume, oh Schicksal, nimmst du dir's
Wieder zurueck, Schweigst es zurueck in die Nacktheit
Furchtbar allesverbergend in deiner Entbloessung,
Und als kristallene Flocke senkt sich der Gott
Strahlenzerloest in das leere Gewoelbe des Traumes.--


            2

Traumdurchtraenkendes, traumkaltes Schicksal, du
Offenbarst dich im Traume, machst ihn zur Groesse
Des Einst, in dem die Wirklichkeit ruht, machst ihm
Zu der Schoepfung Gefaess, wirkend durch dich, und mit dir
Zeitlos; denn du kennst kein vorher und Nachher,
Wirklichkeit, die du bist.--
Stroemend schwebt dein Geschehn, o Ur-Form, schwebt
Verzweigt und wesenheitstraechtig zwischen den Blitzgewoelken
stummgewaltiger Einheit, zwischen der Nacht und dem Licht
Der von dir zur Shoepfung befohlenen Schopfung; du aber
Verwandelst dich mit den verschlungenen Stroemen
Deines Schwebens aus dem einen ins andere; lichtwaerts
Willst du stroemen--gelingt's dir?--doch wo
Deines Stroemens Vielfalt sich zielhaft verkreuzt,
Strom am Strome bedingt, hier nur entfaltest du Ruhendes,
Ding und Namen weltlicher Wahrheit, ineinandergeeint,
Aufgerufen zur Einheit, auf dass sie dich spiegeln;
Schicksalsgepraegt die Ur-Form des Seins,
Die Urform der Wahrheit.
Traumform entsteht aus Traumform, verkreuzt und entfaltet,
im Traum bist du ich, bist meine Erkentnis, bist
Geboren mit mir als ungeborener Engel
Jenseits des Zufalls, leuchtende Allgestalt
Von Wesen und Ordnung erkennenden Werdens,
Gestalt meiner selbst, mein Wissen.
Goetterenthobenes, goettervernichtendes Schicksal,
Endlose Wirklichkeit, endlos bin ich mit dir,
Ein Sterblicher, goettervernichtend im Traume, da ich
In dir mich begebend, entschwebend in deiner Strahlung
Kindheitsumschlossen selber der Goetterraum bin.


            3

Unentrinnbares! bin ich zu dir aufgestiegen oder
In deine Tiefe gestuerzt ?
Abgrund der Form,
Abgrund des Oben und Unten, Abgrund des Traumes!
Keiner vermag im Traume zu lachen, doch auch
Keiner zu sterben; siehe, so ueberaus nahe
Ist das Lachen dem Tode, siehe, so ferne
Sind beide dem Schicksal, das vor lauteterer Form
Kein Tod das Lachen gelehrt hat --
Schicksal, dein Selbstbetrug.
Ich aber, Sterblicher, ich, todesgewohnt ,
Vom Tode zum Lachen gezwungen, ich lehne mich auf
Und glaube dir nicht. Traumblind und traumwissend
Weiss ich dein Sterben, weiss um die Grenze, die dir
Gesetzt ist, Grenze des Traumes, die du verneinst.
Weisst du es selber? willst du es selber?
Stockt dein Geschehn auf deinen Befehl? oder gehorcht es
Noch staerkerem Willen? Steht hinter dir, groesser als du,
Unentrinnbarer unerschaubarer noch
Ein anderes Schicksal und weiter und weiter
Schicksal an Schicksal, Leerform an Leerform gereiht,
Das nimmererreichbare Nichts, der gebaerende Tod,
Dem nur noch der Zufall entspricht?
Zum Zufall wird alles Gesetz, zum Fall in den Abgrund,
Zum Zufall auch du, oh Schicksal, mitgerissen
Vom Zufall des Endes, rasend in deinem Bereich;
Jaeh stockt das Wachstum, und das Erkenntnisgezweige,
Ast dem Aste entsprossen, Jaehlings zerfaellt es
Zu vernichteter Sprache, vereinzelt im Ding,
Vereinzelt im Wort, zerfallen die Ordnung,
Zerfallen die Wahrheit, Gemeinschaft und Einheit
Erstarrt in der Halbheit, erstarrt im Gestrueppe
Scheinwirklichen Seins.
Unvollkommenes bringst du hervor, duldest den Zufall,
Musst das Unheil erdulden, die Halbheit, den Trug, und
Unverwirklicht du selber, nimmermehr endlos die
Erstarrende Form, Schicksal des Schicksals, stirbst du
Des Unheils, im Kristall noch mit mir.


            4

From, wenn selbst Urform, sterblich dem Sterblichen,
Sterblich dem Gotte, in Unwirklichkeit sterbend,
Sterblich ob des Gewuehles scheinbarer Einheit,
Unrettbare! mag auch das Halbe zur Ganzheit sich luegen,
Mag es sich auch zurueckfluechten wollen in den Schoss
Muetterlich einstiger Urnacht, mag es sogar sich selber
Zum Aufruf setzen und selber die Ganzheit
Sich anmassen, die Wuerde des rufenden Vaters,
Nichts rettet dich, Schicksal, vor dem Heimfall aus Nichts;
Vom eigenen Schicksal berauscht, wendest leer du dich um,
Und die Welten, unausschreitbar, unaufhaltsam ihr leerer
Kreislauf in Schoenheit, sind deiner trunken,
Sind trunken des Todes.
Denn Schoepfung ist mehr als Form, Schoepfung ist Unterscheidung,
Ist Scheidung des Boesen vom Guten, oh, allein die Shiedkraft
Ist wahrhaft unsterblich.
Hast du, da Form du nur bist, den Gott und den Menschen
Zur Wahrheit gerufen, auf dass sie statt deiner
Unterscheidungsbetraut fuer immer die Weltform erfuellen:
Hast du hiefuer mich verpflichtet und in die Schoepfung gefuegt ?
Unzulaenglich bist du und Werkzeug des Boesen,
Unheilerschaffend bist du, bist selber das Unheil, dem du erliegst ;
Oh, das Goettliche ist ermattet, und das Menschliche gar
Blieb unerstarkt--beides, dein Werk, ist Zufall mit dir
In dem groesseren schicksal, und der Gerufene,
Gleich dir nur noch Form und verlustig des Namens, ist
Unerreichbar, er wendet sich nicht, keinen Ruf
Hoert er mehr im vergehenden Traum.


            5

Wann, oh wann ?
Wann war formenbefreite Schoepfung,
Sie, oh wann ohne Schicksal? oh, sie war, und
Traumlos war sie, war nicht Wachen, nicht Schlaf,
War ein Augenblich nur, ein Gesang, einmalig
Die Stimme, unerrufbar ein laechelnder Ruf--
Einstmals war der knabe;
Einst war die Schoepfung, einst wird sie sein,

Zufallsenthoben das Wunder.


訳文へ


■■





表紙 年表 夢遊の人々 ウエルギリウスの帰郷 ウエルギリウスの死 知られざる偉大さ 罪なき人々 魅惑