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ウェルギリウスの帰郷

Die Heimkehr des Vergil








そ の 成 立

 1935年、聖臨降誕祭のためウイーン放送局による特別放送のために、ブロッホは自作による短編小説の朗読を依頼された。ブロッホはその打合せのためにウイーン放送局の文芸部長のもとを訪れた。そして歴史哲学的主題である「一文明の終焉における文学」を提案された。そして自身でも用意した「文明末期と文学」のテーマをも融合させることで話し合いが終った。
 ブロッホは執筆当時すでにウエルギリウスに関する伝説を知っていた。そしてこの伝説を根底に置き、ウエルギリウスが自暴自棄な計画へと無価値な動機により駆り立てられたのではなく、全体に歴史的、形而上学的時代の内容が存在したことを短編小説において立証しようとしたのである。当初は20頁程度のものであった。
 その後ヒトラーの台頭により、戦時下言論統制における文学の存在という大きな疑問があった。そして拘禁という現実によって、その疑問が文学という形を通して表されたのである。ブロッホの文学に対する疑問はそのまま自己の生存権への疑問でもあった。
 拘禁のわずかの期間に「ウエルギリウスの帰郷」の改作を決意した。ブロッホは拘禁中看守に紙をもらえるように頼んだが、与えられたものは、家畜の輸送用伝票であった。しかも湿ったものだった。やむなくその紙片に「ウエルギリウスの帰郷」の改作を進めた。だが、執筆しながら、自らの思いを全て表現するのには従来の小説形式が不完全であることを知った。
 ブロッホは自らの意志を完遂すべく、新しい小説形式を生み出そうと努力をつづけた。だが、そのテーマに関しては、「ウエルギリウスの帰郷」と「ウエルギリウスの死」てはなんら変るところがない。



入野田真右先生の翻訳は次頁にございます。 WEITEL からお入りください。



Die Heimkehr des Vergil

 Stahlblau und leicht, getrieben von einem leisen Gegenwind, waren die Wellen des adriatischen Meeres dem kaiserlichen Geschwander entgegengestoeumt, als dieses sich der calabrischen Kueste genaehert hatte, und jetzt, da es, die flachen Huegel zur Linken, langsam dem Hafen Brundsium zusteuerte, jetzt, da die sonnige und doch so todesahnende Einsamkeit der See sich immer mehr ins friedvoll Freudige menschlicher Taetigkeiten wandelte, genaehert dem menschlichen Sein und Hausen, jetzt, da die Gewaeser sich mit vielerlei Schiffen bevoelkerten ─ mit solchen, die gleichfalls dem Hafen zustrebten oder die von dorther kamen ─ und die braunsegeligen Fischerboote bereits die weissbespuelten Ufer, die kleinen Doerfer, die kleinen Molen verliessen, um zum abendlichen Fang auszuziehen, da war das Wasser beinahe spiegelglatt geworden; perlmuttern war darueber die Muschel des Himmels geoeffnet, es war Abend, und man roch das Holzfeuer der Herdstaetten, sooft die Toene des Lebens, ein Haemmern oder ein Ruf von dorther herbeigetragen wurden.
 Von den sechs Triremen, die in entwickelter Kiellinie einander folgten, trug die zweite, die groesste und reichste von ihnen, mit bronzebeschlagenen Waenden und unter Purpursageln das Zelt des Augustus, und waehrend die erste und die letzte dem Transport der Leibgarden dienten, hatten die uebrigen das Gefolge des Caesars an Bord. Doch auf jener, die der augusteischen folgte, befand sich der Dichter der Aeneis, und das Zeichen des Todes stand auf seiner Stirne geSchrieben.
 Hatte er jemals anders als im Angesicht des Todes gelebt? War ihm die perlmutterne Schale des Himmels, war ihm das Singen der Berge, war ihm das lenzliche Meer, war ihm der Floetenton des Gottes in der eigenen Brust je etwas anderes gewesen als ein Gefaess der Sphaeren, das ihn bald aufnehmen sollte, ihn zur Ewigkeit zu tragen? Ein Landmann war er gewesen, einer, der den Frieden des irdischen Seins liebt, und doch hatte er bloss an dessen Rand gelebt, am Rand seiner Felder, und er war ein Ruheloser geblieben, einer, der den Tod flieht und den Tod sucht, der das Werk sucht und das Werk flieht, ein Liebender und dennoch ein Gehetzter, der ein Leben lang durch die Landschaften geirrt war und den es schliesslich als Fuenfzigjaehrigen, Sterbenskranken nach Athen getrieben hatte, als koennte ihm, nein dem Werke dort eine letzte Erfuellung und Vollendung werden. Wer vermag inneres und aeusseres Schicksal zu unterscheiden? Das Schicksal in seiner Dunkelheit hatte es so gewollt, und Schicksal war es gewesen, dass er dem kaiserlischen Freund in Athen begegnet war, so sehr Schicksal, dass die Aufforderung des Augustus, mit ihm in die Heimat zurueckzukehren, wie ein Befehl der unabweislichen Gewalten gewesen war, der Unabweislichen denen man sich zu unterwerfen hatte. Vergil, den kranken Leib auf das Lager gebettet, ueber dem die Segelrah mit der von Zeit zu Zeit droehnenden Leinwand in den Tauen knarrte, sah die weissbesaeumte Standlinie vorbeigleiten, er spuerte den Takt der zweihundert Ruder unter sich, er hoerte das gleitende Schaeumen des Kielwassers und den silbernen Guss, der mit jedem Herausheben der Ruder einsetzte, er hoerte ihr Wiedereintauchen, und gleich einem Echo klang das naemliche von dem vorausfahrenden kaiserlichen und von dem nachfolgenden Schiffe herueber; er sah auch die Menschen auf dem Deck, die Leute des Hofstaates, die mit ihm fuhren, trotzdem nicht mit ihm, denn sein Reiseziel lag ferner als das ihre.
 Schon sank die Daemmerung, als man Brundisiums schmale fjordartige Einfahrt erreichte; vor den Kastellen links und rechts des Kanales war zu Ehren des Caesars die Besatzung aufgestellt, ihre Begruessungsrufe flogen auf, flatterten in grauen Licht, beinahe verwelkt in herbstabendlicher Feuchte, und Vergil, aus mueden Augenwinkeln hinblinzelnd, war von einem roten Punkt in dem Grau gefesselt; und obgleich es sich nur als das rote Vexillum eines Fahnentraegers erwies, der am Fluegel seiner Manipel postiert, im Takt der Rufe die Stange mit dem Feldzeichen hochstiess, so war dieses im Daemmernebel vergehende Rot weit mehr ein Abschiednehmen denn eine Begruessung Doch unterhalb der Befestigungen bis herab zum steinigen Ufer war der Hang mit Straeuchern bewachsen, und gleichsam nach ihrem Laube greifend, streckte der Kranke die Hand aus. Wie weich war die luft, Bad des Innen und Aussen, Bad der Seele, fliessend aus dem Ewigen ins Irdische, Wissen vom Kommenden im Diesseitigen und im Jenseitigen! Am Bug des Schiffes sang ein Musikantensklave, und Lied wie Saitenspiel, Menschenwerk beides, waren in sich beschlossen, menschenentfernt, menschentloest, Sphaerenluft, die sich selber singt. Die Toene in sich eintrinkend, atmete Vergil, die Brust schmerzte ihn, und er hustete.
 Dann wurde die Stadt im Innern der Bucht sichtbar, die hellerleuchtete Reihe der Haeuser am Kai, eine Osteria neben der anderen, und davor die Menge, die sich angesammelt hatte, um der Ankunft des Caesars beizuwohnen; vielleicht fuenfzigtausend, vielleicht hunderttausend Menschen, ein gewaltiges schearzes Summen, das auf- und dbschwoll. Auch auf vielen der verankerten Schiffe ringsum gab es schreiende Menschen, beleuchtet von festlichen Fackeln, und doppelt dunkel wuchsen die Maste und Taue und die gerefften Segel, ein sonderbar finsteres, verkreuztes und verwirrtes Wurzelwerk aus dem Wasser in den noch lichten Himmel hinauf. Vorsichtiger und langsamer wurden nun die Ruder eingetaucht, das Kaiserschiff war schon bis an den Kai geglitten, wp es am dem vorbestimmten, von Bewaffneten Freigehaltenen Platze anlegte, und es war der Augenblich, den das dumpf bruetende Massentier erwartet hatte, um sein Jubelgeheul ausstossen zu Koennen, endlos, erschuetternd, sich selbst anbetend in der Person des Einen.
 Immer war Vergil vor der Masse zurueckgeschreckt; nicht dass sie ihm Furcht einfloesste, aber er empfand die Bedrohung, die in ihr lag, die aus ihr geboren wurde und das Menschliche gefaehrdete, eine Bedrohung, die Mitleid einfloesste und zugleich zur Verantwortung aufrief, ja zu einer so grossen Verantwortung, dass er oftmals schon gedacht hatte, unter ihr zusammenbrechen zu muessen, kank und todesnah von solcher Last geworden, mitunter freilich meinte er, dass diese Verantwortung nicht seine Sache waere, vielmehr, dass sie ausschliesslich den Augustus anginge, aber allzu genau wusste er, dass die Verantwortung, die der Augustus auf sich genommen hatte, von ganz anderer Beschaffenheit war: Spanien war besiegt, die Parther hatten sich unterworfen, die wuergerkriege lagen weit zurueck, das Reich schien gesicherter, befriedeter, wohlhabender als es je gewesen war, und doch war das Drohende vorhanden, ein drohendes Unheil, das auch der Augustus nicht abzuwenden vermochte, trotz seines Priesteramtes, ein sogar den Goettern unerreichbares Unheil, das von keinem Massengeschrei zu uebertaeuben war, eher noch von jener schwachen Seelenstimme, welche Gesang heisst und die, das Unheil ahnend, das Heil verkuendet. Wie der ertoente das Jubelgebruell, Fackeln wurden geschwungen, Befehle durchhallten das Schiff, dumpf flog ein vom Lande geschleudertes Tau auf die Deckplanken, und zwischen dem Getrappel der vielen eiligen Fuesse lag der Kranke, aber in seinem Herzen war das Wissen um die Hoelle.
 Waren ihm die Sinne geschwunden? Sicherlich haette er sich gerne dem Gejohle der Menge verschlossen, das vulkanisch und unterirdisch und traegwellig ueber den Platz flutete, aber er klammerte sich an das Bewusstsein, klammerte sich daran mit all der Kraft desjenigen, der das Bedeutsamste seines irdischen Seins nahen fuehlt und voller Angst ist, dass er es versaeumen koennte und nichts entging ihm, weder die hilfreichen Gesten und Worte des Arztes, der auf Befehl des Augustus an seiner Seite war, noch die dumpf befremdeten Gesichter der Traeger, die mit ihrer Saenfte an Bord gekommen waren, ihn abzuholen, und weder die Stadt, die er mit allen Sinnen aufnahm, den kellerkuehlen Hall ihrer engen Gassen und den vertrauten Gestank der Mietkasernen und ihres Unrates, noch der Urwaldgeruch des Massentieres, das ihn umtoste, nichts entging ihm, mehr noch, die Dinge waren ihm haeher und deutlicher und wacher, als sie es ihm jemals gewesen waren, und bei aller Reisemattheit verlor er nichts von seiner stillen Wuerde, und er dankte freundlich fuer jede Handreichung, die ihm erwiesen wurde. Allerdings, es war eine schwebende Naehe, so schwebend, wie er rs selber auf hocherhobener Saenfte war, es war die Naehe einer gleichsam schwebend gewordenen und entrueckten Zeit, es geschahen die Dinge gewissermassen unter Aufhebung jedweder Gleichzeitigkeit, und das im Fackellicht und im Laerme tosende Brundisium war ebensosehr das brennende Troja, so wie er, der durch die Flammen getragen wurde, der fluechtende und heimkehrende Anchises war, blind und sehend zugleich in seinem Schweben, getragen von dem Sohne. Und auch als mann ihn im Palaste zur Ruhe gebracht und gebettet hatte, hielt diese schwebende Wachheit an, blieb er weiter an solche Wachheit geklammert: draussen tobte die Strasse, und in den Saelen des Palastes tobte das Fest, das die Stadt dem Augustus, der Augustus der Stadt geb, der alte muede Caesar, gefangen von seinem Amte und von seiner Macht, geklammert und angekettet an beide und an ihren Augenblick, und es war, als floessen Strasse und Fest bis an das Krankenlager, als floesse das Gleichzeitige und Augenblickliche bis in die innerste Seele, sie durchfliessend ohne sie zu erreichen, da sie im Schweben war schwebend im gewesenen und Zukuenftigen, hingegeben einem Warten, das ebensowohl nach vorwaerts wie nach rueckwaerts gerichtet war, und die Augen des Vergil sahen bloss das milde Oelflaemmchen der Nachtlampe.
 Und da er sich und seine Gedanken zurueckschickte, da bemerkte er, dass er zwar zu dem kleinen Jungen auf dem Bauernhof in Andes zurueckzukehren vermochte, ja dass es eigentlich gar keine Rueckkehr war, vielmehr ein unveraendertes Weiterbestehen, so dass er jeden Herzschlag, den er damals erlebt, jeden Grashalm, den er damals gesehen hatte, jetzt ohne weiteres haette beschreiben und aufschreiben koenen, und es ihm bloss verwunderlich deuchte, dass er, inzwischen gewacksen, als erwacksener siecher Mann hier liegen musste, dass aber alles, was seit der Kindheit geschehen, immer schuetterer wurde, immer verschwindender und vergessener, nicht nur dir Gutshof in Nola mit seinen Bauern, seinen bergumsaeumten Feldern und den sanften Tieren, sondern auch die vielen sonnebeglaenzten Tage in Neapel waren vergessen, und sogar die Werke, die er geschrieben hatte, damit sie das Bleibende wuerden, waren verblasst und kaum mehr dem Titel nach zu erinnern. Nichts von den Bucolica, noch weniger von den Georgica, und wenn ueberhaupt etwas verharrte, so war es die Aeneis, doch auch diese nicht, wie er sie gedichtet hatte, sondern als ein Geschehen, das von ihm geschaut und nur sehr mangelhaft eingefangen worden war. Warum war dies so? fuer wen hatte er gearbeitet? fuer welche Menschen, fuer welche Zukunft? stand nicht das Ende aller Dinge vor der Tuere? war die Vergessenswuerdigkeit des Geschaffenen nicht ein Beweis fuer den Zeitenabgrund, der sich nunmehr auftun wollte, die Ewigkeit zu verschlingen? Betrunkene Horden im Palast und auf der Gasse; noch trinken sie Wein, doch bald werden sie Blut saufen, noch leuchten sie mit Fackeln, doch bald werden ihre Daecher brennen und flammem, brennen, brennen, bernnen. Und desgleichen werden die Buecher mit in dem Rauch aufgehen. Mit Recht, mit Recht, mit Recht. In der Brust des Kranken brannte es, allein die Lippen des Schriftstellers laechelten ein wenig, denn der Brand wuerde auch die Buecher Horazens und Ovids kaum verschonen, und man musste sagen, ebenfalls mit Recht. Keiner wird bestehen bleiben. Was aber dann? was vermoechte die Menschen noch zu retten, auf dass sie weiterlebten? Hiess es nicht zurueckkehren in die Jugend der Menschheit, in die schlichte und sanfte Derbheit des baeuerlichen Lebens, von dem er selber seinen Ausgang genommen hatte und nach welchem er sich ein Leben lang hoffnungslos, ach so hoffnungslos zurueckgesehnt hatte? was wusste der Augustus davon? er hatte dsa Reich gesichert, er hatte Bauten errichtet, er hatte ihn selber geshuetzt, er haette es nicht tun sollen, der muede alte Mann, der immer noch lebte, heute noch unbedroht, der vielleicht so lange zu leben verpflichtet war, bis das Drohende auch an seine Tuere pochen wuerde, an die Pforte der Palaeste, die einstuerzen werden, den Augustus und all seine Pracht, all die ewigen Kunstwerke unter sich begrabend. Oh, ueberfluessig sind die Kunstwerke, ueberfluessig all die Schoenheit, die der Augustus und der Maecenas um sich angesammelt haben, und sie sind dem Untergang geweiht. Auf der Gasse schrien sie Augustus Retter und Augustus Vater ─ wird er es nicht buessen muessen? Schlaf? wer wollte schlafen, da Troja brennt!
 Und als die Nacht schon weit vorgeschritten war, da sah vergil viele zerstoerte Staedte und Heiligtuemer vor sich, staedte, von denen er nicht einmal den Namen kannte und die ihm doch so bekannt waren wie die stadt seine Jugend, die Mantue hiess; er sah Babylon und Niniveh, er sah ein verwuestetes Theben und das oftmals zerstoerte Jarusalem, und er sah das veroedete Rom, ein Rom, durch dessen Gassen die Woelfe streiften, ihre Stadt wieder in Besitz zu nahmen, und er sah die Ohnmach der Goetter. Und dann trat ein Enged an sein Lager, seine Fittiche waren so kuehl wie der Septembermorgen. welcher anbrechen sollte, und der Ehgel sagte: >Wachse nun, kleiner Knabe<, sagte es, als waere es ein Trost, und es war einer, obgleich darin die Verkuendigung des Todes enthalten war, >Gut<, antwortete Vergil und versuchte die Zuege des Engels zu erkennen, >gut, dann will ich jetzt schlafen.<
 Der Morgenwind strich das Fenster, und Vergil traeumte von den Feldern im blondwogenden Erntekleid, er traeumte vom Rinde, das neben dem loewen lagert, er traeumte, den Frieden des Lebens, einen groesseren Frieden als den, der vom Augustus der Welt geschenkt worden war, und er traeumte davon, dass der Engel auch den Augustus besuchen werde. Denn durch all dieses Traeumen hindurch schwebte ein Wissen, und wenn es auch keinen Namen hatte, sondern nur ein Bild war, ein Bild glueckseligen Landes, nicht minder bekannt als die Bilder der rauchenden Staedte, so war das namenlos Gewusste doch die wissende Namenlosigkeit der Liebe, einer maennlich muetterlichen Liebe, die in die schmerzlich wartende, leidende, ihr geoeffnete Welt ersehnt und sehnsuechtig einziehen sollte. Gerne haette Vergil nach dem Namenlosen gefragt, doch als er die Lider aufschlug, da war das Gemach voll warmer Septembersonne, und statt des Engels stand fluegellos und eher ein wenig beleibt der Maecenas vor ihm, ein besorgtes Laecheln in dem gutmuetig tuechtigen, geniesserischen Gesicht, und Vergil schloss rasch wieder die Augen, der verlorengegangenen Musik nachlauschend.
 Weil aber das Singen sich nicht wieder einstellen wollte, rief er, noch immer geschlossenen Auges, nach seinem Besucher, und dieser antwortete: >Ja, mein Vergilius, ich bin hier.<
 >Es ist schoen, dass du gekommen bist<, sagte Vergil.
 >Ich wusste um eure Ankunft: dich und den Augustus, sein Name sei gepriesen, einzuholen, eilte ich hierher.<
 Vergil nickte: >Ja, du bist mich holen gekommen. . . das ist recht, du weisst den Platz am Posilip, der auf mich wartet.<
 Von Graebern wollte Maecenas nichts hoeren: >Du bist nicht aelter als ich<, wehrte er ab.
 Der Dichter blickte seinen Gast gross an, und in seinen Augen war unverkennbar die gewichtige Antwort zu lesen. >Hoere, Maecenas<, sagte er, >ich bereue es nicht<
 >Oh, mein Vergilius, was haettest du wohl auch zu bereuen! du, der Dichter Roms!<
 >Waere ich bloss der Dichter Romans, ich haette es zu bereuen!<
 Maecenas schuettelte den Kopf, und seine Augen wurden feinschmeckerisch: >Du, der Dichter der Schoenheit!<
 >Waere ich der Dichter der Schoenheit, ich wuerde mich schaemen, und meine Reue waere gross.<
 >Bist du nicht der Dichter der Goetter?<
 >Nein. . . glaubte ich an sie, wie sie es befehlen, ich haette nie und nimmer dichten muessen. . .<
 >Doch du sangest zu ihrem Preis. . .<
 >Nein, ich sang, sie zu suchen. . . und ich habe sie nicht gefunden, ich fand anderes. . .<
 Der geniesserische Ausdruck in dem Gesicht des Maecenas verstaerkte sich: >Dann wirst du uns singen, was du gefunden hast. . . es wird herrlicher sein als alles Bisherige.<
 Vergil laechelte: > Ich werde nicht mehr dichten, Maecenas, und selbst wenn mir dazu Zeit vergoennt waere, ich moechte es nicht mehr. . . <
 Die Aufmerksamkeit, mit der Maecenas den Worten des Freundes und Dichters lauschte, wurde wehmuetig, und er zitierte: >Nie mehr singe ich Lieder, und nicht mehr bin ich euer Hueter. . . oh, Vergilius, soll es wahrlich so sein?<
 Dass Lied wird erschweigen, Maecenas, und die Bildwerke werden gestuerzt werden; doch du sollst darob nicht trauern, denn was zu kuenden sein wird, ist die Wahrheit, eine Wahrheit, and die keine Kunst heranreicht und vor der die Kunst verstummen muss. . . <
 Maecenas war verletzt: >Oh, niemals wird die Schoenheit verstummen<, ereiferte er sich, >vor keiner Wahrheit wird sie erschweigen, und immer wird sie es sein, die Wahrheit kuendet. . . schmaehe nicht die Kunst, die der Gott dir geschenkt, Vergilius. . . <
 Wieder laechelte Vergil: >Ich schmaehe sie nicht, ich beginne bloss, mich ihrer nicht mehr zu entsinnen. . . aber ich bereue es nicht, Maecenas. . . freilich nicht um der Schoenheit willen. . .<
 Ehrfuerchtig vor dem Dichter, ehrfuerchtig vor dem Tode, wagte Maecenas keinen Einwand mehr, und er seufzte bloss. Vergil aber, geschlossenen Auges sprach weiter, und er sprach nicht mehr fuer den Maecenas. er sprach fuer sich: >Was nur um der Schoenheit willen geschieht, das ist nichts und ist verdammenswuerdig. . . was aber um der Ahnung willen geschieht, das vermag das Herz des Menschen erklingen zu lassen, so dass es bereit wird fuer die kommende Verkuendigung. . . bereit wie eine Leier, die unter dem Winde singen wird. . . es ist die Reinheit des Herzens.<
 Strasse und Hof erschollen von Pferdegetrappel; es waren die Boten, die kamen und gingen, es waren die Vorbereitungen fuer den baldigen Aufbruch des Augustus, es war das staatlich hoefische Getriebe, das den Palast erfasst hatte. Dazwichen hoerte man das Aechzen laendlichen Fuhrwerkes, das Schlurfen der Sandalen auf dem Pflaster, immer wieder uebertoent vom schweren Tritt der Militaerstiefel, und aus der weiteren Ferne war ab und zu das Geschrei des Marktes vernehmlich, Und von solchem Alltag zu dem Maecenas zu rueckgefuehrt, sagte Vergil freundlich: >Du bist in Staatsgeschaeften zum Augustus gekommen, und es will mich duenken, dass die Geschaefte schon recht sehr laermen. . . komme wieder zu mir, ehe ihr abreist. . . <
 >Auch der Augustus will dich besuchen<, bestellte Maecenas, in dem er sich traurig und, bei aller Elegance, ein wenig schwerfaellig erhob, nicht ohne dabei die Falten seines Gewandes zurechtzuzupfen und in die richtige Lage zu bringen.
 >Gut<, stimmte der Kranke zu, >kommt beide zu mir. . . soferne es die Geschaefte erlauben. . . und bis dahin sage dem Augustus, dass ich ihn liebe. . . <
 Unschluessig war Maecenas stehengeblieben, als erwarte er noch etwas Feierliches, zu dem die Stunde und die Freundschaft und die Ehrfurcht verpflichtet haetten, und auch Vergil spuerte dies, aber er liess es sich nicht anmerken, er lag da und schwieg, obwohl ihm der Abschied weh tat und erst als der Maecenas sich entfernte, auf Zehenspitzen davonwippend und durch solch ungewohnten Gang in seiner Wuerde, die er trotzdem aufrechtzuhalten sich bemuehte, wesentlich beeintraechtigt, da blinzelte ihm Vergil unter den Lidern nach, und wenn der Maecenas sich umgewandt haette, so haette er eine grosste Ruehrung in den Zuegen des Dichters entdecken koennen, freilich auch eine ebenso grosse Verwunderung: Vergil befand sich in einer grossen Verwunderung, einer Verwunderung, ueber die er sich erst jetzt Rechenschaft abzulegen begann, erstaunt ueber den Schmerz, den er um des Maecenas und des Augustus willen empfand, erstaunt, dass ihm dies so nahe ging, mehr noch, dass seine Augen dem Maecenas genau so nachblinzeln konnten, wie sie es stets getan hatten, dass sein Gehoer noch die Geraeusche der Stadt in sich aufnahm, verwundert des Geistes, der intakt geblieben war und in dem all dies sich abspielte! wahrlich, je bruechiger und je unsteter er in den vielen vergangenen Jahren sich selbst empfunden hatte, desto begieriger war er geworden, dass die Bruechigkeit fortschreite, desto mehr war seine Neugierde gewachsen, eine verwunderte und wunderliche Neugierde. die koerperlichen Schmerzen und das Ungemach auf sich nahm, vielleicht sogar sie unterstuetzte, um das Ende zu beschleunigen, das Aussergewoehnliche, das mit der Aufloesung kommen musste, damit sie Erloesung werde, und jetzt, das es so weit war, da war es noch immer das naemliche Schauen, das naemliche Hoeren, das naemliche Denken, wie es das ganze Leben stattgefunden hatte, und dies war verwunderlich. Nun war der Maecenas gegangen, froh, zu xeinen Bildwerken heimkehren zu duerfen, zurueck in die irdische Schoenheit seines Palastes, ledig eines Mahners, der von solcher Schoenheit nichts mehr wissen wollte, und fast schien es, als haette der Maecenas recht, verwunderlich recht. Was waere wohl an die Stelle der Schoenheit zu setzen, da das Leben des Menschen nicht weiter reicht als sein Sehen und Hoeren? ach das Herz vermag nicht weiter zu klingen, als es schlaegt - warum also die Auflehnung gegen eine Schoenheit, die es zur Reinheit seines Klingens bringt? Vergil versuchte darueber nachzudenken, indes, wieder waren es bloss Bilder, die sich einstellten, und wiederum waren sie voller Leid: mochten auch die Schlachtfelder des Reiches nun ferne sein, in Britannien, in Germanien, in Asien, es waren doch Menschen, die sich dort abschlachteten, und mochten die kaiserlichen Gerichte auch gerecht aburteilen, mochten es auch Verbrecher sein, die allenthalben auf den Richtstaetten an den kreuzen hingen und in ihren Schmerzen sich wanden, es waren doch Menschen, und Menschen waren es, die in den Arenen gehetzt wurden, zerstueckelt, zerfleischt, Menschen, die einander toeteten, blutvergiessend, Blut, Blut, Blut, zum Ergoetzen der Masse, Opfer, simmlose Opfer zum Ergoetzen des Massentiers und einer Irdichkeit, der auch der Augustus und auch der Maecenas, jeder auf seine Art, dienten, da sie alles so lassen wollten, wie es war, und hoechstens nach Schoenheit strebten, blind fuer die Dumpfheit, blind fuer den Blutdurst, blind fuer die Einzelseele, die im Ungezugelten, kaum Gebaendigten zu versinken drohte. Was aber war all dem Blute, all den vielen Opfern, all den Qualen entgegenzuwerfen? Verse? waren Verse nicht zu wenig und doch zu viel? vermochten Verse eine solche Welt zu aendern? vermag der Mann, der die Folterungen begafft und sich ihrer freut, ueberhaupt noch Verse zu hoeren? bedarf es da nicht eines groesseren Einsatzes, um sich Gehoer zu verschaffen?! In der Tat, so ist es: wer nicht das Opfer ueberbietet, wer das sinnlos irdiche Opfer nicht zum reinen Opfer des Uberirdischen erhebt, wer nicht silbst in die Arena steigt, wer nicht silbst sich ans Kreuz heften laesst, wer nicht seine ganze Person, sein ganzes Leben darbringt, der kann nicht, der darf nicht, der soll nicht hoffen, dass es ihm jemals gelaenge, das verwirrte und verstockte Menschenherz zu reinem Aufklingen zu erwecken! Er jedoch, wie hatte er selber gelebt? Er war geflohen! er war vor dem Opfer und vor dem eigenen Einsatz geflohen, er war geflohen von Landscaft zu Landschaft, bis er bruechig und muede geworden war, und er hatte Verse geschrieben, die gleichfalls nur Flucht waren, Flucht in die Schoenheit. Nein, er war nicht besser gewesen als der Augustus und der Maecenas, er hatte ihre Meinungen und Haltungen in keiner Weise widerlegt, weder durch sein Leben noch durch seine Werke, und mit Recht durften die beiden die Widmung seiner Georgica und der Aeneis fuer sich beanspruchen. Kein Zweifel, die Werke gehoerten ihnen, sie mochten sie mit sich nehmen und sie behalten, sie waren sein Vermaechtnis an sie, die Freunde, die er liebte und nun doch nicht mehr sehen wollte, wenn sie jetzt abreisen wuerden, kaiserlich feierlich nach dem irdischen Rom. Oder waren sie garschon fort? Vergil lauschte: in dem Palast war es merklich stiller geworden, und auch der Laerm der Stadt klang wesentlich gedaempfter. Sollten sie ihn tatsaechlich ohne Abschied verlassen haben? eine Wolke des Unmuts ging ueber des Dichters Stirne: es haette ihnen gerne noch gesagt, dass in all seinen Werken etwas Verborgenes wohnte, etwas, das mit eigentlicher Shoenheit wenig zu tun hatte und das wichtiger als jegliche Schoenheit war, etwas, das man freilich erst ergruenden musste, wie er ja selber erst heute diesem Sachverhalt auf die Spur gekommen war. Es waere wohl der Muehe wert gewesen, ihnen dies noch zu sagen. Doch vielleicht waren sie noch gar nicht abgereist, vielleicht hatte man bloss, den Laerm abzudaempfen, die Strasse mit Stroh bestreut und den Pferden die Hufe mir Tuechern umwickelt, weil man wusste, dass er krank hier daniederlag, dass die Brust ihm brannte und dass er ueber das Verborgene des eigenen Werkes nachsinnen musste, lauschend einem Mittagslichte, das er nicht mehr sah. Und je schaerfer er hinhorchte, desto verebbter und entfernter klangen die Geraeusche des Lebens, sie waren wie Vorhaenge, die sachte von einer Hand weggenommen wurden, einer nach dem andern, bis nichts uebrigblieb als das, was zwischen den Worten und den Zeilen eingebettet gewesen war, und dies war die Gesinnung seines eigenen Herzens und des Herzend Ahnung, Schoenheit auch sie, und doch des Herzens Opfer. Stiller und stiller wurde es, und es ward zu der Stille, die den Saenger empfaengt, ehe er in die Saiten greift. Die grosse Stille der Menschheit, die nicht mehr Masse ist, sondern Gemeinde der Seelen, Atem der Klarheit, der hinueber-und herueberweht, das gemeinsame stumme Sphaerenlied des Saengers und des Hoerers, in beiden zugleich geboren, in beiden zugleich erklingend. Vergil, der Saenger, lauschte, er war gespannt, gespannt wie die Saiten einer Leier, ja, er war selber die Leier, und er erwartete die Hand, die nach seinem Herzen greifen wuerde, damit es in seiner reinen Spannung erklinge, sehnsuochtig erwartete er diese Hand, denn wenn es klingen wuerde, dann wuerde das Herz nicht mehr brennen. Und siehe, waehrend er so lauschend lag und immer deutlicher es spuerte, wie die muetterliche Hand der Liebe sich seinem Herzen naeherte, und wie die Mittagsnacht immer stiller und dichter sich herabsenkte, erfuellt von dem Rieseln der Abendbaeche, beschattet von den Eichen und Pinien so dass Nymphen wie Hirten schon laengst in der Dunkelheit entschwunden waren, oh, in dieser Landschaft des Abends, die er kiebte, obgleich er sie laengst nicht mehr sah, breitete Vergil die Arme aus, als wollte, als muesste er sich mit ihr verkreuzen und fuer immer in sie eingehen, denn er hoerte aufs neue den Engel, und der sagte: >Wachse, kleiner Knabe, wachse, klinge und fuehre, Fuehrer durch die Zeiten, ahnens im Zeitlosen.<


原文はSuhrkanp社発行のTaschenbuch2368 Prosa Fragmenteより   
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